Nachhaltiges Reise- und Familienleben im Wohnmobil - Unser Interview mit Jasmin von Trust and Breathe

Nachhaltiges Reise- und Familienleben im Wohnmobil - Unser Interview mit Jasmin von Trust and Breathe

Wir möchten euch in unserem Magazin von Zeit zu Zeit interessante Persönlichkeiten, Familien und Projekte vorstellen, deren Fokus auf Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz liegt.   

Deshalb freuen uns sehr, dass wir mit der lieben Jasmin den Anfang machen dürfen. Sie ist Mutter von zwei Kindern und als Umweltwissenschaftlerin vertraut mit diversen Umweltthemen. Dazu zählen auch die negativen Auswirkungen, bedingt durch die Industrie und das Verhalten von uns Menschen. 

Jasmin und ihre kleine Familie stehen vor allem für nachhaltiges Reisen, vegane Ernährung, Fair Fashion und Minimalismus. Sie betreibt den Blog www.trustandbreathe.com, auf dem sie nicht nur Erfahrungen aus ihrem “way of life” mit ihren Lesern und Leserinnen teilt, sondern auch ein ganz besonderes Projekt vorstellt: Forest for Miles

 

Jasmin, ihr reist als Familie mit dem Wohnmobil für teils mehrere Monate quer durch Europa. Das ist ja schon eine Herausforderung an sich. In wenigen Tagen geht es wieder los. Hast Du Deine Vorbereitungen für die kommende Reise schon abgeschlossen?

Nein, wir sind noch mittendrin. Wenn alles nach Plan läuft, starten wir Anfang Juli Richtung Osteuropa. Ende Juni muss unser Wohnmobil noch einmal in die Werkstatt und bekommt dann hoffentlich eine neue TÜV-Plakette. Einige Dinge stören uns auch noch im Wohnmobil, die wir verändern möchten und die uns auf unserer ersten Reise schon negativ auffielen. Wir haben in den nächsten paar Wochen noch Einiges zu erledigen. Aber wir sind zuversichtlich und denken, dass wir wie geplant starten werden.

Ein Wohnmobil bietet ja nur begrenzt Platz, was bedeutet, dass ihr genau überlegen müsst, was mit darf und was zu Hause bleiben muss. Eines Deiner Herzensthemen ist Minimalismus. Hast Du Dich damit schon früher beschäftigt oder mit dem Reisen im Wohnmobil daran Gefallen gefunden?

Ja, das Thema Minimalismus ist tatsächlich eines meiner Herzensthemen und es gibt auch ein Video von mir darüber, als IGTV und auf unserem YouTube-Kanal. Dieses Thema begleitet mich seit meinem Studium. Als Studentin hat man wenig Geld.Das ist kein Geheimnis. Aber mir gefiel, wie meine Kommilitonen mit ihrer Situation umgingen. Eine Foodsharing-App oder eine App, in der Dinge ausgeliehen werden können, wie z.B. Werkzeug, gab es schon vor Jahren in unserer Studentenstadt. Ich containerte hin und wieder und auch „Lebensmittelretten“ war eine Selbstverständlichkeit. Dieser Lebensstil hat mir gefallen. Dinge wiederzuverwenden, Second Hand einzukaufen und Mitfahrgelegenheiten zu wählen ist schon seit Jahren Teil meines Lebens.

Eine Langzeitreise im Wohnmobil fühlt sich für uns gar nicht so minimalistisch an. Wir waren bevor die Kinder zur Welt kamen immer schon gerne minimalistisch reisen. Wir trampten durch Europa, waren viel Zelten und haben auch eine Rucksackreise durch Südostasien gemacht. Gereist sind wir eigentlich immer schon Low Budget. Unser Wohnmobil war für uns ein ziemlich großer Luxus und das fühlt sich auch bis heute so an.

Durch das Reisen im Wohnmobil lernt man ja nicht nur, mit wie wenig materiellen Gütern man auskommt. Man verbringt auch sehr viel Zeit in der Natur. Mehr Platz zum Spielen kann man Kindern kaum bieten.

Wie gehen die Kinder mit den großen Unterschieden um, denen sie ja im direkten Vergleich zwischen zu Hause und unterwegs ausgesetzt sind?

Unsere Kinder können es gar nicht erwarten wieder loszufahren. Unser Wohnmobil steht direkt vor unserem Haus. Es gibt Tage, da möchten sie unbedingt im Wohnmobil spielen. Sie lieben es einfach und der geringe Platz, im Vergleich zu einem Haus und ihrem Kinderzimmer, stört die Jungs überhaupt nicht. Sie gehen bei Wind und Wetter raus, lieben es in Pfützen zu springen und machen für sich selbst keinen Unterschied, ob man jetzt raus gehen könnte oder nicht. Es sind nur wir Erwachsenen, die ihnen vorleben, dass schlechtes Wetter doof und viel Platz wichtig und toll ist.

Ihr ernährt euch überwiegend vegan bzw. vegetarisch. Gelingt das auch, wenn ihr unterwegs seid? Nehmt ihr bestimmte Lebensmittel mit, weil sie vielleicht nicht überall verfügbar sind?

Es klappt sogar besser, wenn wir unterwegs sind, da meine Eltern nebenan wohnen und meine Mutter es nicht verstehen kann. Sie meint es natürlich nur gut und möchte immer wieder für uns mitkochen. In Südeuropa gab es viele vegane und vegetarische Produkte in den Supermärkten. Mal mehr,mal weniger. Aber Gemüse, Milchalternativen und Tofu findet man überall. Wir werden nichts mitnehmen, da wir nicht wissen wie lange wir unterwegs sein werden und unser Wohnmobil nur ein zulässiges Gesamtgewicht von 3,5t hat. Es ist nicht einfach dieses Gewicht zu Viert auf einer Open-endReise einzuhalten, von daher kommt wirklich nur mit, was mit muss. Eines nehmen wir tatsächlich doch mit - einen kleinen Vorrat unserer Lieblings-(aufschäumbarer) Hafermilch für den Kaffee.

Kommt ihr auch mal in Situationen, in denen die Kinder etwas ausprobieren möchten, was nicht eurem Lebensstil entspricht? Wie geht ihr als Eltern damit um und wie gehen die Kinder damit um?

Bis jetzt noch nicht. Ich denke, dafür sie sind noch etwas zu klein. Aber sicherlich wird es früher oder später dazu kommen. Wir werden unsere Kinder immer aufklären, ihnen möglichst viele verschiedene Perspektiven für das jeweilige Thema aufzeigen und sie trotzdem ihre ganz eigenen Entscheidungen treffen lassen - und diese auch respektieren.

Abgesehen von Vorräten und Spielsachen nimmt auch Kleidung für gewöhnlich einen Großteil Platz in Anspruch. Man ist im Urlaub ja immer auf alle Eventualitäten vorbereitet und hat eher zu viel als zu wenig Kleidung im Gepäck. Gerade wenn man mit Kindern unterwegs ist. Fällt es Dir schwer, die passende Wahl zu treffen?

Ich packe so, dass wir ungefähr alle 10 Tage waschen müssen. Allerdings ist die Waschfrequenz auch total wetterabhängig. Solange wir sommerliche Temperaturen haben, sind wir natürlich mehr in Badesachen unterwegs und kommen entsprechend deutlich länger mit der vorhandenen Wäsche aus. Jeder hat eine warme Jacke dabei, ein Regen-Outfit sowie kurze als auch lange Kleidung. Für die Kinder packe ich das ein oder andere T-Shirt mehr ein. Aber schwer fällt mir die Entscheidung eigentlich überhaupt nicht, da wir so oft wie möglich einsame, naturnahe Stellplätze ansteuern.

Minimalismus, vegane Ernährung, der Verzicht auf das Fliegen - alles Themen, die euer Familienleben bestimmen und gleichzeitig dem Schutz unserer Umwelt dienen. Allerdings verbraucht ein Wohnmobil ja auch einiges an Sprit. Um euren CO2 Ausstoß zu kompensieren, habt ihr auf eurem Blog einen “Baumrechner” installiert. Wie genau funktioniert der?

Auf unserem Blog gibt es zwei Rechner, da Benzin- und Dieselfahrzeuge unterschiedlich viel CO2 emittieren. Zunächst gibt man den Verbrauch des eigenen Fahrzeugs auf 100km ein und die Anzahl der bisher gefahrenen Kilometer (alternativ auch die Kilometer der nächsten geplanten Tour). Daraufhin spuckt der Rechner eine Anzahl von Bäumen aus, die für die eingetragenen Kilometer gepflanzt werden müssen, damit der gefahrenen CO2 Ausstoß vollständig kompensiert werden kann. Das gesamte Projekt nennen wir „Forest for Miles“. Entscheidend für den Erfolg des Konzeptes ist es, dass die gepflanzten Bäume ihr natürliches Alter erreichen können (mehrere hundert Jahre) und nicht primär-forstwirtschaftlich genutzt werden. Denn holzt man die Bäume nach 40 Jahren Wachstum ab, um daraus Brennholz, Papier oder Möbel herzustellen, geht die Rechnung nicht auf. Damit es funktioniert, müssen wir die Urwälder von Morgen pflanzen.

Forest for Miles ist ein großartiges Projekt! Wie seid ihr darauf gekommen und wann seid ihr damit gestartet?

Als wir wussten, dass wir in Deutschland alles auflösen und erst einmal komplett in unser Wohnmobil ziehen werden, um zu reisen, fing ich schon an, meinen Blog langsam aufzubauen. Ich wusste, dass ich über Nachhaltigkeit schreiben möchte. Und schon von Beginn an hat mich an unserem Vorhaben gestört, dass ich über Nachhaltigkeit schreibe, wir aber mit einem 20 Jahre alten Diesel durch Europa reisen werden.

Dass wir nicht mehr fliegen möchten stand schon lange fest. Dass wir zwei „Wanderseelen“ in uns tragen allerdings auch. Mit zwei kleinen Kindern erschien uns diese Art des Reisens optimal. Auf unserer 7-monatigen Reise durch Südeuropa merkten wir schnell die vielen Vorteile und mussten uns überlegen, wie wir es vor uns selbst rechtfertigen können. Aus einer chronischen Unzufriedenheit, die wir immer mit uns herumtrugen, entstand „Forest for Miles“. Wir standen länger an einem Spot in Südspanien und plötzlich kam uns die Idee mit dem Rechner. Anschließend recherchierten wir das Thema sorgfältig und setzten die Idee um. Wir gleichen alle unsere Touren aus und möchten andere Reisende dazu inspirieren es auch zu tun. Aber das Konzept funktioniert genauso für Berufspendler oder das Familienauto zu Hause. Statt die Kilometer der Reise kann man ebenso die geschätzten gefahrenen Kilometer pro Jahr in den Rechner eingeben und entsprechend Bäume pflanzen.

Ihr seid immer wieder für lange Zeit unterwegs. Eine feste Base, zu der ihr nach euren Reisen zurückkehrt, gibt es inzwischen auch. Ihr habt den Mut euren Traum zu leben. Eine Frage, die viele beschäftigt ist: Wie finanziert ihr euer Leben? Magst Du uns darüber etwas erzählen?

Klar, das ist sicher die mit Abstand häufigste Frage, die wir gestellt bekommen. Tatsächlich kam bei uns erst der Mut und dann die Sicherheit. Wie genau wir unser Leben auf Reisen finanzieren werden, stand noch nicht fest, als wir uns für ein Leben im Wohnmobil und auf Reisen entschieden haben. Vielmehr gab es mehrere solide Ideen.

Wir hatten so gut wie kein Erspartes zu dem Zeitpunkt, als wir beschlossen in unser Wohnmobil zu ziehen und auf Reisen zu gehen. Ein Jahr zuvor haben wir geheiratet. Kenos Taufe war gerade erst einen Monat her und wir sind in eine neue Wohnung gezogen, die wir selbst renoviert haben. Es war eigentlich der denkbar schlechteste Zeitpunkt, finanziell betrachtet. Trotzdem verspürte ich den inneren Drang los ziehen zu wollen. Ich erzählte Jonas davon und er war zwar begeistert von der Idee, sah aber das finanzielle Problem deutlicher als ich es tat. Ich war stattdessen völlig euphorisch und schmiedete Pläne, wie die Umsetzung trotz unserer damaligen Lage umsetzbar wird. Nach einem Monat habe ich Jonas wieder und wieder Vorschläge gemacht, wie wir unseren Traum leben können. Wir haben ausgerechnet, was wir zum Leben auf Reisen brauchen werden. Der Betrag liegt deutlich unter unserem Budget in Deutschland, denn Fixkosten wie z.B. die Miete fallen weg. Neue Kosten wie Sprit und zusätzliche Versicherungen kommen hinzu. Wenn man alles gegeneinander aufrechnet, kommt man am Ende trotzdem mit deutlich weniger Geld aus.

Wir haben uns mehrere Möglichkeiten ausgeguckt, wie es auf selbstständiger Basis möglich gewesen wäre, diesen Betrag zu erarbeiten. Nachdem wir uns sicher fühlten kündigte Jonas seinen Job und unsere Wohnung.

Wir zogen am 1. Mai 2019 in unser Wohnmobil, das auf dem Grundstück meiner Eltern stand, um so weitere 5 Monate bis zum geplanten Start Geld sparen zu können. Dieses Geld dient uns auf Reisen als Notfallpuffer. Ein paar Monate später, ich glaube im Juni, wurde Jonas von seinem Chef eine „Remote Stelle“, quasi Home Office auf Reisen, angeboten. Da der Betrieb auf Jonas nicht verzichten wollte und er sich immer gut in das Team eingebracht hat (und by the way einen tollen Chef hat) fielen uns mit diesem Jobangebot etliche Steine vom Herzen.

Jonas arbeitet seitdem 20 Std pro Woche remote von „zu Hause“ aus und kann sich seine Zeit frei einteilen. Nebenbei bleibt noch Zeit, um die eigenen Projekte voran zu bringen.

Das eigene Leben umzustellen und der Natur zurückzugeben, was man ihr nimmt, lässt sich nicht von heute auf Morgen umsetzen. Wie lange hat dieser Prozess bei euch gedauert, bis er “normal” war?

Ich kann da nur für mich sprechen. Ich trage dieses Gefühl, der Natur etwas zurückgeben zu wollen, schon seit meiner Kindheit in mir. Die Umsetzung es bewusst zu leben hat sich Stück für Stück entwickelt. Seitdem ich Mutter bin ist es nochmal mehr geworden. Durch meine Kinder sehe ich die Welt aus einem ganz anderen Blickwinkel und verspüre noch mehr das Bedürfnis etwas gegen die derzeitigen Missstände unternehmen zu wollen.

Wenn man seinen Blickwinkel ändert und sein eigenes (Konsum-) Verhalten reflektiert, fällt einem auf, was man eigentlich aktiv und im Alltag tun kann, um unsere Erde zu schützen. Doch das bedeutet eben auch Veränderung. Ein Punkt, vor dem viele Menschen Angst haben. Ist diese Angst aus Deiner Sicht berechtigt?

Ich glaube, die Menschen haben große Schwierigkeiten damit ihre Komfortzone zu verlassen. Zudem glaube ich aber auch, dass genau das nötig ist, wenn wir zusammen das Ruder auf den Kurs „best-case“ und nicht auf das Worst-Case-Szenario der Klimakrise herumreißen wollen. In dem Moment, wo man anfängt die Dinge bewusst wahrzunehmen und anfängt sein eigenes Handeln zu reflektieren, beginnt man automatisch anders zu konsumieren. Das Problem ist der unbewusste Konsumrausch in den viele Menschen verfallen, weil sie sich mit einem neuen Stück Kleidung, Technik oder Essen für kurze Zeit besser fühlen und einen Moment vermeintliches Glück spüren. Studien zeigen eindrücklich, dass dieses gute Gefühl sehr schnell abflacht und dann wird erneut gekauft. So sind immer noch zu viele Menschen in einer Konsumschleife gefangen. 

Gibt es Konsumgüter, die Du persönlich vermisst?

Nein, Ich habe mich noch nie wirklich geschminkt oder viele Kosmetikprodukte verwendet. Ich habe schon immer meine Kleidung lange getragen und mochte auch schon in meiner Pubertät Second Hand-Kleidung gerne.

Ich muss darüber tatsächlich nachdenken - und mir fällt gerade spontan nichts ein.

Danke, dass Du uns einen Einblick in euer Leben gewährt hast, liebe Jasmin!

Wir wünschen Dir und Deiner Familie eine tolle Zeit. Vielleicht erzählst Du uns nach eurer Rückkehr ein bisschen was darüber, wie man an anderen Orten auf unserem wunderschönen Planeten mit den Themen Nachhaltigkeit und Umweltschutz umgeht.

Wir freuen uns auf weitere inspirierende Geschichten.